
„Lass dir bloß nichts anmerken.“
Viele von uns haben diesen Satz – ausgesprochen oder unausgesprochen – irgendwann im Berufsleben verinnerlicht. Besonders Führungskräfte stehen häufig vor der Erwartung, souverän zu wirken, Entscheidungen sicher zu treffen und auch in schwierigen Situationen die Ruhe zu bewahren.
Wer Verantwortung trägt, soll Stärke zeigen.
Unsicherheit, Überforderung oder Verärgerung scheinen da zunächst wenig Platz zu haben.
Das Bild einer Führungskraft und das Verständnis von Führung haben sich in den letzten Jahren verändert.
Die Persönlichkeit wird immer wichtiger und und auch die Vorstellung von Professionalität verändert sich. Mitarbeitende wünschen sich heute zunehmend Klarheit, Vertrauen und einen authentischen Umgang miteinander.
Die Antwort liegt weder darin, Emotionen komplett zu unterdrücken noch darin, jede Emotion ungefiltert mit dem Team zu teilen. Professionalität bedeutet etwas anderes: die eigenen Emotionen wahrzunehmen und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.
Jeder Mensch erlebt Emotionen und Gefühle. Wir freuen uns über Erfolge, ärgern uns über Fehler, sind enttäuscht, wenn etwas nicht gelingt, oder fühlen uns in schwierigen Situationen überfordert.
Mit einer Führungsrolle verschwinden diese Emotionen nicht.
Trotzdem versuchen viele Menschen, sie möglichst gut zu verstecken. Sie möchten kompetent wirken, niemanden verunsichern und jederzeit den Eindruck vermitteln, alles im Griff zu haben.
Doch genau diese perfekte Fassade kann Distanz schaffen.

Menschen arbeiten schließlich nicht mit einer Rolle zusammen, sondern mit einem Menschen.
Das bedeutet nicht, dass jede Emotion ungefiltert nach außen gehört. Aber es bedeutet durchaus, dass eine Führungskraft nicht permanent so tun muss, als wäre sie unberührbar.
Wie wir Emotionen wahrnehmen und bewerten, hängt allerdings nicht nur von der jeweiligen Situation oder der Person selbst ab. Auch gesellschaftliche Erwartungen spielen eine Rolle. Dabei werden an Frauen und Männer teilweise unterschiedliche Maßstäbe angelegt.
Eine Frau, die in einer Besprechung deutlich ihre Meinung vertritt, kann schnell als „zu dominant“, „zickig“ oder „schwierig“ wahrgenommen werden. Bei einem Mann wird dasselbe Verhalten möglicherweise eher als Durchsetzungsvermögen oder Führungskompetenz interpretiert.
Ein Mann hingegen, der seine Verletzlichkeit zeigt, kann als unsicher oder weniger souverän wahrgenommen werden. Gleichzeitig wird von Frauen häufig erwartet, empathisch, verständnisvoll und ruhig zu bleiben. Zeigt sich eine Frau dagegen ärgerlich oder wütend, wird dies oftmals stärker bewertet als bei einem Mann.
Dabei sind Wut, Enttäuschung oder Unsicherheit zunächst einmal menschliche Emotionen.
Entscheidend ist nicht, ob wir sie empfinden, sondern wie wir mit ihnen umgehen.
Eine Führungskraft darf wütend sein. Sie darf enttäuscht sein. Sie darf auch mitteilen, dass sie eine Situation gerade schwierig findet. Das gilt für Frauen genauso wie für Männer.
Die Herausforderung besteht vielmehr darin, die eigene Emotion wahrzunehmen und trotzdem professionell handeln zu können und weniger aus dem Affekt heraus zu reagieren.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung deshalb gar nicht darin, Emotionen im Business zu vermeiden. Vielleicht geht es vielmehr darum, sich von der Erwartung zu lösen, wie eine „professionelle“ Frau oder ein „professioneller“ Mann angeblich zu sein hat.
Eine Führungskraft übernimmt Verantwortung. Dazu gehört Orientierung zu geben, Entscheidungen zu treffen und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Oft wird daraus jedoch die Erwartung abgeleitet, möglichst fehlerfrei zu sein. Und genau hier liegt das Missverständnis. Autorität entsteht nicht zwangsläufig dadurch, dass jemand perfekt wirkt. Sie entsteht häufig dadurch, dass Menschen wissen, woran sie sind.
Wie kommuniziert diese Person?
Was ist ihr wichtig?
Wie geht sie mit Konflikten um?
Wie reagiert sie unter Druck?
Diese Klarheit schafft Vertrauen.
Eine Führungskraft muss nicht jede Emotion zeigen. Sie darf aber eine Persönlichkeit haben, die für andere erkennbar ist. Nahbar und authentisch.
Doch wie gelingt es als Führungskraft persönlich, authentisch und nahbar zu aufzutreten?
Zunächst ist es sinnvoll sich mit dem eigenen Führungsstil und auch den eigenen Stärken und vermeintlichen Schwächen auseinander zu setzen. Dieses Bewusstsein hilft im Alltag dabei sich in seiner Rolle zurechtzufinden und zu diese zu verkörpern.
Gleichzeitig ist eine Differenzierung wichtig.
Authentisch zu sein bedeutet nicht automatisch, jede (persönliche) Krise mit dem gesamten Team zu teilen.
Eine Führungskraft sollte ihre tiefsten privaten Themen nicht zum Bestandteil des Arbeitsalltags machen. Es gibt einen Unterschied zwischen Offenheit und emotionaler Einbindung des Umfelds.
Wenn eine Führungskraft gerade eine schwierige private Phase erlebt, kann es beispielsweise vollkommen ausreichend sein, dies kurz und klar zu kommunizieren:
„Ich merke, dass mich diese Situation gerade fordert. Ich möchte mir etwas Zeit nehmen, um eine gute Entscheidung zu treffen.“
Oder:
„Ich bin gerade beruflich und privat etwas eingespannt. Falls ich in den nächsten Tagen etwas ruhiger wirke, wisst ihr, woran es liegt.“
Solche Sätze zeigen Menschlichkeit und gleichzeitig Klarheit sowie offene Kommunikation gegenüber dem Team.
Menschen die häufiger emotional reagieren, ärgern sich im Nachhinein oft über ihr Verhalten.
Im Coaching werde ich nicht selten gefragt, wie es gelingt, die eigenen Emotionen besser zu kontrollieren.
Und genau hier beginnt ein wichtiger Teil von Selbstführung.
Es geht nicht darum Emotionen wegzudrücken und kontrollieren, sondern darum sie wahrzunehmen, kurz innezuhalten um dann anders und bewusst zu handeln.
Wer merkt, dass Unsicherheit vorhanden ist, muss sie nicht überspielen.
Wer erkennt, dass Ärger gerade die eigene Kommunikation bestimmt, kann aussteigen.
Diese kurze Pause zwischen Emotion und Reaktion verändert oft mehr als jede perfekte Formulierung.
Gerade in Situationen, in denen die Verantwortung besonders groß ist, kann es hilfreich sein, nicht sofort zu reagieren. Ein Moment der Stille, ein kurzer Spaziergang oder einfach etwas Abstand können manchmal dafür sorgen, dass aus einer impulsiven Reaktion wieder eine bewusste Entscheidung wird.
Eine Führungskraft trägt weiterhin Verantwortung für die Menschen, die ihr anvertraut sind. Deshalb sollte sie sich auch bewusst sein, welche Emotionen sie mit ihrem Team teilt und welche Themen besser in einem geschützten Rahmen aufgehoben sind.
Ein Team sollte beispielsweise nicht das Gefühl bekommen, die Führungskraft emotional auffangen zu müssen. Auch private Konflikte oder sehr persönliche Krisen gehören nicht automatisch in die Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden.
Gerade auf Management-Ebene kann es deshalb sinnvoll sein, sich mit anderen Führungskräften oder vertrauten Gesprächspartnern auszutauschen. Dort ist häufig ein anderer Rahmen vorhanden, um schwierige Situationen zu reflektieren und die eigenen Emotionen zu sortieren.
Denn auch Führungskräfte brauchen einen Raum, in dem sie nicht funktionieren müssen.
Emotionale Selbstführung bedeutet nicht, immer die perfekte Antwort zu haben.
Manchmal reicht es, sich selbst und anderen einen Moment Zeit zu geben.
„Das beschäftigt mich gerade mehr, als ich erwartet habe.“
„Ich merke, dass mich das gerade ärgert. Lass uns später noch einmal darüber sprechen.“
„Ich habe dazu gerade noch keine gute Lösung. Das ist gerade eine Herausforderung für mich.“
Solche Aussagen wirken zunächst vielleicht ungewohnt, gerade wenn man es gewohnt ist, immer souverän und kontrolliert aufzutreten.
Doch sie müssen keine Schwäche darstellen. Im Gegenteil: Wer seine eigenen Empfindungen wahrnimmt und bewusst kommuniziert, übernimmt Verantwortung für sich selbst und wird genau dafür respektiert.
Nimm dir einen Moment Zeit und betrachte deinen eigenen Umgang mit Emotionen im Berufsalltag.
1.) Zeigst du dich in deiner beruflichen Rolle authentisch oder versuchst du häufig, bestimmte Emotionen zu verstecken?
2.) Wie kommunizierst du, wenn dich eine berufliche Situation gerade emotional beschäftigt?
3.) Und wo wäre es vielleicht hilfreich, deine eigenen Emotionen zunächst wahrzunehmen, bevor du reagierst?
Es geht dabei nicht darum, plötzlich alles offen auszusprechen. Vielmehr geht es darum, einen bewussteren Umgang mit dem zu entwickeln, was ohnehin da ist.
Du musst nicht lernen, deine Emotionen im Business zu unterdrücken.
Du darfst lernen, bewusster mit ihnen umzugehen.
Wenn du merkst, dass dich bestimmte Situationen im Job immer wieder beschäftigen, du dich emotional überfordert fühlst und nicht weißt, wie du Professionalität und Authentizität gleichzeitig lebst, können wir uns das gemeinsam anschauen.
Im Business Coaching geht es darum, deine eigenen Muster besser zu verstehen, Klarheit zu gewinnen und einen Umgang mit schwierigen Situationen zu entwickeln, der zu dir passt, ohne dich zu verbiegen.
Wenn du herausfinden möchtest, was sich für dich verändern darf, schreib mir gerne über das Kontaktformular. Wir können ganz in Ruhe schauen, wo du gerade stehst und ob ein Coaching dich dabei unterstützen kann.
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